Ich will keine Schachteln mehr

Isabelle Hoffmann

„Hamburger Morgenpost", 19 August 1997

Architekt Zvi Hecker stellt seine Entwürfe im Kunsthaus aus

Zvi Hecker ist ein Mann, der die Menschen liebt und Unmenschliches hasst. Wohnblöcke zum Beispiel. „Überall nur Würfel auf der Welt. Sie haben ja in Hamburg gerade wieder einen bekommen", sagt er mit Blick in Richtung Kunsthalle. Unter dem Titel „Architektur ist Landschaft" zeigt Hecker seit heute im Kunsthaus Alternativen auf zu dem „reinen Formalismus" Le Corbusiers und dessen Erben.

Hecker ist mehr Künstler als Konstrukteur. „Ich fange nie am Anfang an", bekennt der 68 jährige Israeli mit Wohnsitz in Berlin, der für seine Hamburger Schau eigens einen riesigen Winkel, eine Art Speerspitze quer durchs Kunsthaus getrieben hat. In Dutzenden von farbenfrohen Entwürfen durchläuft Hecker einen Schaffensprozess _wie ein Maler,der ein Bild immer wieder überarbeitet Das Ergebnis überrascht ihn manchmal selbst. So wie die Heinz Galinski-Schule die 1995 in Berlin eingeweiht wurde und Hecker international berühmt machte. Eine Spirale aus Pavillons. Ein futuristisches Bündel -Energie dessen Dynamik schwindling macht. Dabei war Heckers Grundidee für die erste jüdische Schule Berlins nach dem Krieg eher beschaulich. Die Sonnenblume. Seit seiner Kindheit liebt er diese Pflanze. -Die Sonnenblume ist auch Symbol der Hoffnung", sagt der gebürtige Pole der knapp der Vernichtung durch die Nazis entkam. „Ihre Blätter entfalten sich wie die Blätter eines Buches. Und auf hebräisch heißt Schule ,Haus des Buches'. Meine Schule ist das Buch. "Auch sein jüngstes Projekt, das Jüdische Kulturzentrum in Duisburg, hat er als Buch entworfen. Hecker versteht sich selbst als Expressionist, der seine überbordende Bilderflut aus der Natur schöpft. „Meine Häuser sind wie Landschaft. Monumental Architektur bestaunt man von außen, in meiner Architektur steckt man immer drinnen. Landschaft kann man auch nicht vonaußen betrachten". Provokativer Beispiele von Heckers Arbeit sind die -Berliner Berge", bewohnbare Felsformationen als -sanftes Gegengewicht" zu den Plattenbauten. Oder die Bukarester Wellenhäuser, die wie eine Gruppe Delphine aussehen. „Ich glaube, wir können nicht noch mehr Schachteln in die Welt setzen", sagt Hecker. „Le Corbusiers Vision von Würfeln in der Landschaft hat sich überholt. Einfach, weil uns mittlerweile die Landschaft ausgeht".

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